Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit und Transformation
Für Evonik ist eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur eine zentrale Voraussetzung für sichere Produktionsprozesse, stabile Lieferketten und wettbewerbsfähige Wertschöpfung. An Standorten wie Marl, Wesseling oder Herne werden Rohstoffe, Zwischenprodukte und Fertigerzeugnisse rund um die Uhr über Straße, Schiene, Wasserstraße und Pipelines transportiert. Die Anforderungen der chemischen Industrie lassen sich dabei nicht über einen einzelnen Verkehrsträger abbilden. Erforderlich ist ein belastbarer Verkehrsmix, der unterschiedliche Transportbedarfe erfüllt und Ausfälle einzelner Verkehrsträger kompensieren kann.
Als eine der transportintensivsten Branchen Deutschlands liefert die chemische Industrie Grundstoffe für zahlreiche Wertschöpfungsketten, von der Automobil- und Bauwirtschaft bis zur Energie- und Gesundheitsindustrie. Die Leistungsfähigkeit der Verkehrsinfrastruktur beeinflusst damit nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit von Evonik und der Chemieindustrie, sondern weiter Teile des Industriestandorts Deutschland.
Infrastrukturdefizite gefährden Versorgungssicherheit und Investitionen
Die Belastungsgrenzen der Verkehrsinfrastruktur werden insbesondere in Nordrhein-Westfalen zunehmend sichtbar. Sanierungsbedürftige Brücken, stark belastete Schienenkorridore, häufige Baustellen sowie Engpässe auf den Wasserstraßen beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit eines Bundeslandes, in dem rund 30 Prozent der deutschen Chemieproduktion angesiedelt sind.
Für Unternehmen mit eng vernetzten Produktionsverbünden führen diese Defizite zu höheren Logistikkosten, längeren Transportzeiten und geringerer Planungssicherheit. Bei Evonik wirken sich Einschränkungen einzelner Verkehrsträger unmittelbar auf Versorgungssicherheit, Produktionsabläufe und Lieferketten aus.
Die Qualität der Verkehrsinfrastruktur ist ein zentraler Faktor für Investitions- und Standortentscheidungen. Investitionen erfolgen dort, wo Rohstoffe, Vorleistungen, Energieträger und Produkte zuverlässig transportiert werden können.
Investitionen beschleunigen und langfristig absichern
Deutschland muss die Modernisierung seiner Verkehrsinfrastruktur beschleunigen. Dafür braucht es schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, einen verlässlichen mehrjährigen Finanzierungsrahmen sowie dauerhaft abgesicherte Investitionen in Erhalt, Sanierung und Ausbau. Das Sondervermögen Infrastruktur kann einen wichtigen Beitrag zum Abbau des Investitionsstaus bei Straßen, Schienen und Wasserstraßen leisten. Entscheidend ist aus Sicht von Evonik, dass die Mittel zusätzlich eingesetzt werden und nicht bestehende Haushaltslücken füllen.
Politischer Handlungsbedarf
Die Modernisierung von Straßen, Schienen, Wasserstraßen und Pipelines ist eine zentrale Aufgabe der Wirtschafts- und Standortpolitik. Deutschland braucht ein resilientes und grenzüberschreitend vernetztes Verkehrssystem, das industrielle Wertschöpfung, Versorgungssicherheit und Transformation unterstützt. Angesichts veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen kommt der Verkehrsinfrastruktur zudem eine wachsende Bedeutung für die militärische Mobilität und die Resilienz Europas zu. Leistungsfähige Verkehrswege erfüllen damit zunehmend eine Doppelfunktion für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit. Eine leistungsfähige Infrastruktur sichert damit die Standortattraktivität sowie die industrielle Stärke und Sicherheit Deutschlands langfristig.
Schienengüterverkehr: Verlässlichkeit, Kapazität und Resilienz stärken
Der Schienengüterverkehr ist für Evonik ein unverzichtbarer Bestandteil resilienter Lieferketten.
An Standorten wie Marl oder Wesseling werden Rohstoffe, Zwischenprodukte und Fertigwaren täglich über das nationale und europäische Schienennetz transportiert. Insbesondere bei Gefahrgütern und Massengütern bestehen häufig weder wirtschaftlich noch logistisch tragfähige Alternativen.
Für Evonik ist die Schiene deshalb weit mehr als ein Instrument zur Verkehrsverlagerung.
Sie sichert die Versorgung von Produktionsstandorten, stabilisiert industrielle Lieferketten und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit integrierter Produktionsverbünde. Gleichzeitig ist eine leistungsfähige Schieneninfrastruktur Voraussetzung dafür, zusätzliche Güter auf die Schiene zu verlagern und die verkehrs- sowie klimapolitischen Ziele Deutschlands zu erreichen.
Damit der Schienengüterverkehr diese Funktion erfüllen kann, müssen jedoch Infrastruktur, Betriebsqualität und wirtschaftliche Rahmenbedingungen verbessert werden.
Baustellenmanagement und Kommunikation verbessern
Die Modernisierung des Schienennetzes ist für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland notwendig und muss zügig umgesetzt werden. Nordrhein-Westfalen steht dabei in den kommenden Jahren vor einer besonders umfassenden Erneuerung seiner Schieneninfrastruktur. Mit acht Generalsanierungen zentraler Güterverkehrskorridore, zahlreichen weiteren Baumaßnahmen und mehreren überlasteten Schienenwegen sind erhebliche Eingriffe in das Netz verbunden.
Für Evonik ist entscheidend, dass die notwendige Sanierung des Netzes nicht zulasten der Versorgungssicherheit industrieller Standorte erfolgt. Voraussetzung dafür sind frühzeitige, belastbare und transparente Informationen über geplante Einschränkungen. Nur so können Transporte, Lagerbestände und Produktionsabläufe verlässlich geplant werden.
Insbesondere bei der Koordination von Baustellen und der Kommunikation zwischen DB InfraGO, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Verladern besteht Verbesserungsbedarf. Industrieanschlüsse müssen während Bauphasen erreichbar bleiben. Wo dies nicht gewährleistet ist, sind leistungsfähige Umleitungsstrecken erforderlich.
Darüber hinaus braucht es feste Ansprechpartner für die Anliegen der Industrie und eine stärkere Berücksichtigung industrieller Anforderungen bei der Bauplanung. Evonik begrüßt daher den gemeinsam von VCI und DB InfraGO entwickelten Ansatz sogenannter „Anschlusssteckbriefe“. Sie ermöglichen es, die Anforderungen von Industrieanschlüssen frühzeitig in Planungen einzubeziehen, Auswirkungen geplanter Baumaßnahmen besser zu bewerten und Produktionsunterbrechungen zu vermeiden.
Gerade für die chemische Industrie stellt ein „Schienenersatzverkehr“ keine praktikable Alternative dar. Große Transportvolumina und Gefahrguttransporte lassen sich kurzfristig häufig nicht auf andere Verkehrsträger verlagern. Die Anforderungen des Schienengüterverkehrs müssen deshalb bei Baustellenplanungen gleichrangig neben denen des Personenverkehrs berücksichtigt werden. Besonders versorgungsrelevante Industrieverkehre dürfen bei Netzengpässen nicht systematisch benachteiligt werden.
Zudem sollten Baumaßnahmen stärker verkehrsträgerübergreifend koordiniert werden. Gleichzeitige Einschränkungen auf Schiene, Straße und Wasserstraße können erhebliche Auswirkungen auf industrielle Lieferketten haben und müssen vermieden werden.
Mehr Kapazität für den Güterverkehr schaffen
Das deutsche Schienennetz erreicht auf vielen Strecken seine Kapazitätsgrenzen. Zusätzliche Güterverkehrstrassen, ausreichend lange Überholgleise, moderne Stellwerke sowie leistungsfähige Rangier- und Umschlagkapazitäten sind erforderlich, um Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit des Systems dauerhaft zu erhöhen.
Besondere Bedeutung kommt dem Bahnknoten Köln zu. Als zentrale Drehscheibe nationaler und internationaler Güterverkehre ist er auch für die Anbindung des Evonik-Standorts Wesseling von entscheidender Bedeutung, der Teil eines eng vernetzten Chemieclusters im Rheinland ist. Aus Sicht von Evonik sind zusätzliche Überholgleise, die durchgängige Sicherstellung des 740-Meter-Netzes sowie eine höhere Zuverlässigkeit der Knotenpunkte Köln-Kalk, Köln-Gremberg und Eifeltor erforderlich, um die Versorgung industrieller Standorte dauerhaft sicherzustellen.
Ein leistungsfähiger Schienengüterverkehr benötigt nicht nur freie Trassen, sondern auch ausreichende Kapazitäten in den Zugbildungsanlagen. Sie sind insbesondere für den Einzelwagenverkehr unverzichtbar. Kapazitätsverluste in diesen Anlagen schwächen Lieferketten, erschweren die effiziente Auslastung von Güterzügen und stehen dem Ziel einer stärkeren Schienennutzung entgegen. Insbesondere im Knoten Köln müssen bestehende Kapazitäten daher erhalten und bei infrastrukturellen Veränderungen rechtzeitig ersetzt werden.
Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass Kapazitätsausbauten im Personenverkehr nicht zulasten des Schienengüterverkehrs erfolgen. Dies gilt insbesondere für die hoch ausgelasteten Korridore in Nordrhein-Westfalen, auf denen Personen- und Güterverkehre bereits heute um knappe Trassen konkurrieren. Beispiel: Der Ausbau des Rhein-Ruhr-Express ist verkehrspolitisch sinnvoll und wichtig für die Mobilität im Ballungsraum. Gleichzeitig dürfen dadurch keine dringend benötigten Kapazitäten für den Schienengüterverkehr verloren gehen. Aus Sicht von Evonik müssen Personen- und Güterverkehr daher integriert geplant werden, damit beide Verkehrsarten von Infrastrukturinvestitionen profitieren und die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems erhöht wird.
Ergänzend können vergleichsweise kleine Infrastrukturmaßnahmen kurzfristig Entlastung schaffen. Dazu zählen die Reaktivierung bestehender Güterverkehrsstrecken, die stärkere Nutzung vorhandener Infrastruktur im Rheinland sowie Verbesserungen auf wichtigen Zulaufstrecken im Raum Köln und Bonn.
Für die langfristige Entwicklung des Schienengüterverkehrs sind zudem grenzüberschreitende Vorhaben wie die Rhein-Ruhr-Rail Connection (3RX) von besonderer Bedeutung. Sie verbessert die Anbindung der Industrie in Nordrhein-Westfalen an die Seehäfen Antwerpen und Rotterdam, stärkt die Resilienz europäischer Lieferketten und schafft zusätzliche Ausweichmöglichkeiten bei Störungen einzelner Verkehrswege, etwa während Niedrigwasserphasen auf dem Rhein.
Einzelwagenverkehr als Rückgrat der Chemielogistik sichern
Viele Stoffströme der chemischen Industrie eignen sich nicht für den Transport in Ganzzügen. Auch Evonik nutzt den Einzelwagenverkehr, um Produktionsstandorte flexibel mit Kunden, Lieferanten, Chemieparks und Häfen zu verbinden.
Dies gilt insbesondere für Standorte mit komplexen und wechselnden Stoffströmen wie Wesseling oder Rheinfelden.
Der Einzelwagenverkehr ist deshalb keine Nischenlösung, sondern eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass große Teile der chemischen Industrie überhaupt am Schienengüterverkehr teilnehmen können. Sein Wegfall würde erhebliche Verkehrsverlagerungen auf die Straße auslösen, zusätzliche Belastungen für das Straßennetz verursachen und den politischen Zielen einer stärkeren Schienennutzung entgegenstehen.
Evonik setzt sich daher für eine langfristig gesicherte Finanzierung des Einzelwagenverkehrs, den Erhalt bestehender Bedienangebote sowie Investitionen in Rangier-, Knoten- und Anschlussinfrastruktur ein. Auch Kürzungen bei der Gleisanschlussförderung senden aus Sicht von Evonik das falsche Signal und erschweren die Verlagerung zusätzlicher Transporte auf die Schiene.
Planbare und wettbewerbsfähige Trassenpreise gewährleisten
Neben einer leistungsfähigen Infrastruktur benötigt der Schienengüterverkehr verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Steigende und schwer kalkulierbare Trassenpreise belasten Eisenbahnverkehrsunternehmen und Verlader gleichermaßen und erschweren Investitions- und Transportentscheidungen.
Die Chemieindustrie ist hiervon in besonderem Maße betroffen. Aufgrund von Gefahrgutanforderungen, Transportmengen und bestehender Infrastruktur bestehen für viele Transporte keine kurzfristig verfügbaren Alternativen zur Schiene. Die angekündigten Trassenpreissteigerungen von rund 13 Prozent ab 2027 erhöhen die Logistikkosten von Evonik und anderen Industrieunternehmen, schwächen die Wettbewerbsfähigkeit des Schienengüterverkehrs und bremsen die angestrebte Verlagerung zusätzlicher Transporte auf die Schiene.
Besonders kritisch sind die für das Trassenpreissystem 2028 vorgeschlagenen Entgelterhöhungen für Gefahrgutzüge. Danach sollen die Trassenpreise für Gefahrgutganzzüge um bis zu 63,5 Prozent steigen. Eine solche Sonderbelastung ist weder kostenbasiert noch verkehrspolitisch nachvollziehbar: Die Betriebskosten von Standard- und Gefahrgutzügen unterscheiden sich nicht, dennoch würden Gefahrguttransporte künftig deutlich höhere Trassenentgelte tragen. Für die chemische Industrie und andere verladende Branchen würde dies erhebliche Mehrkosten verursachen, die sich vielfach auch in höheren Frachtraten niederschlagen. Gleichzeitig steht eine derartige Verteuerung systemrelevanter Gefahrgutverkehre im Widerspruch zum politischen Ziel, mehr Güter auf die Schiene zu verlagern.
Evonik setzt sich daher für langfristig planbare und wettbewerbsfähige Trassenpreise, die Fortführung bestehender Entlastungsinstrumente sowie eine diskriminierungsfreie Ausgestaltung des Trassenpreissystems ein. Umleitungsverkehre infolge von Baustellen dürfen keine zusätzlichen Kosten verursachen. Preissteigerungen müssen nachvollziehbar, verhältnismäßig und an der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Infrastruktur ausgerichtet sein.
Politischer Handlungsbedarf
Für Evonik ist ein leistungsfähiger Schienengüterverkehr Voraussetzung für Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähige Produktionsstandorte und resiliente industrielle Lieferketten. Erforderlich sind eine bessere Baustellenkoordination, zusätzliche Netzkapazitäten, die langfristige Sicherung des Einzelwagenverkehrs sowie verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Nur wenn Infrastruktur, Betriebsqualität und Kostenstrukturen gleichermaßen verbessert werden, kann die Schiene ihre Rolle für industrielle Wertschöpfung, Transformation und Verkehrsverlagerung dauerhaft erfüllen.
Wasserstraße: Unverzichtbar für Rohstoffversorgung und resiliente Lieferketten
Die Wasserstraße ist für die chemische Industrie einer der wichtigsten Verkehrsträger. 2024 wurden in Deutschland knapp 20 Millionen Tonnen chemischer Erzeugnisse über die Wasserstraßen transportiert. Damit stellte die Branche rund 11 % der insgesamt 173,8 Millionen Tonnen Güter, die auf deutschen Binnenwasserstraßen befördert wurden.
Nordrhein-Westfalen nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Rund ein Drittel der deutschen Chemieindustrie ist entlang von Rhein und Ruhr angesiedelt. Allein der Mittelrhein wird jährlich von rund 50.000 Güterschiffen befahren, während über den Wesel-Datteln-Kanal bis zu 20 Millionen Tonnen Güter transportiert werden. Ein Binnenschiff ersetzt dabei bis zu 150 Lkw und entlastet die stark beanspruchte Straßeninfrastruktur erheblich.
Für Evonik sind Wasserstraßen ein zentraler Bestandteil resilienter Lieferketten. Insbesondere der Chemiepark Marl ist über den Rhein und das westdeutsche Kanalnetz eng mit den Nordseehäfen in Antwerpen und Rotterdam sowie weiteren nationalen und internationalen Rohstoff- und Absatzmärkten verbunden. Ein erheblicher Teil der Rohstoffversorgung erfolgt über die Wasserstraße. Sie ist damit kein Ausweichverkehrsträger, sondern Teil der kritischen Infrastruktur für die Versorgung des Standorts.
Investitionsstau beeinträchtigt Leistungsfähigkeit und Versorgungssicherheit
Die Leistungsfähigkeit der Wasserstraßen wird durch einen jahrzehntelang aufgelaufenen Investitionsstau zunehmend eingeschränkt. Viele Schleusen, Brücken, Spundwände und weitere Anlagen im westdeutschen Kanalnetz haben ihre technische Lebensdauer erreicht oder bereits überschritten.
Besonders deutlich zeigt sich das am Wesel-Datteln-Kanal. Seine ursprünglich geplante Leistungsfähigkeit wurde bereits Anfang der 1950er Jahre erreicht. Für Evonik sind daher insbesondere die Modernisierung des Wesel-Datteln-Kanals samt Instandsetzung der Schleusenanlagen, ausreichend gefahrgutgeeignete Liegestellen sowie ein durchgängiger Schleusenbetrieb von zentraler Bedeutung. Lange Wartezeiten an Schleusen reduzieren die Leistungsfähigkeit der Wasserstraße und erhöhen die Kosten entlang der gesamten Lieferkette.
Eine Beschleunigung der Modernisierung setzt jedoch ausreichende personelle Kapazitäten voraus. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung spielt eine zentrale Rolle bei Planung, Genehmigung und Umsetzung wasserbaulicher Projekte. Aus Sicht von Evonik sollte sie deshalb von dem im Koalitionsvertrag vereinbarten pauschalen Stellenabbau in der Bundesverwaltung ausgenommen werden. Ein Personalabbau würde die Modernisierung der Wasserstraßen weiter verzögern und die angestrebte Beschleunigung von Infrastrukturprojekten erschweren.
Niedrigwasser erhöht Risiken für industrielle Lieferketten
Die Niedrigwasserereignisse der vergangenen Jahre haben die hohe Bedeutung klimaresilienter Wasserstraßeninfrastruktur verdeutlicht. Für die Chemieindustrie wirken sich Einschränkungen der Schiffbarkeit unmittelbar auf Rohstoffversorgung, Produktionsplanung und Kostenstrukturen aus.
Berechnungen der Prognos AG zufolge verursachte das Niedrigwasser am Rhein allein im Sommer 2026 wirtschaftliche Schäden von mehr als 900 Millionen Euro. Die Folgen reichen weit über den Verkehrssektor hinaus und betreffen industrielle Wertschöpfungsketten, Energieversorgung und Wettbewerbsfähigkeit.
Mit dem Aktionsplan Niedrigwasser hat die Bundesregierung bereits 2019 wichtige Maßnahmen zur Verbesserung der Klimaresilienz des Rheins angestoßen. Fortschritte wurden insbesondere bei der Entwicklung niedrigwasseroptimierter Binnenschiffe oder der Verbesserung von Pegel- und Prognosesystemen erzielt.
Gleichzeitig kommen zentrale Infrastrukturmaßnahmen weiterhin nur langsam voran. Projekte zur Verbesserung der Schiffbarkeit des Rheins und zur Beseitigung wasserstandsbedingter Engpässe sind von hoher Bedeutung für die Versorgung der Industriestandorte entlang des Rheins und des westdeutschen Kanalnetzes.
Aus Sicht von Evonik müssen Maßnahmen zur Abladeoptimierung des Rheins deshalb konsequent und beschleunigt umgesetzt werden. Ziel ist es, die Schiffbarkeit auch bei niedrigen Wasserständen zu verbessern und die Versorgungssicherheit industrieller Standorte zu erhöhen. Besondere Bedeutung hat dabei auch die rheinseitige Zufahrt zum Wesel-Datteln-Kanal. Die geplante Absenkung der Kanalsohle an der Kanaleinfahrt kann die Nutzbarkeit des Kanals bei Niedrigwasser deutlich verbessern. Die Ereignisse des Jahres 2026 haben erneut gezeigt, dass Einschränkungen an dieser Schnittstelle unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung von Industriestandorten wie dem Chemiepark Marl haben können.
Darüber hinaus sollten Investitionen in niedrigwasseroptimierte Schiffe, digitale Verkehrssteuerung und klimaresiliente Wasserstraßeninfrastruktur gezielt unterstützt werden. Wasserstraßen müssen künftig nicht nur leistungsfähig, sondern auch widerstandsfähig gegenüber den Folgen des Klimawandels sein.
Politischer Handlungsbedarf
Für Evonik sind leistungsfähige Wasserstraßen eine Voraussetzung für Rohstoffversorgung, Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Produktionsstandorte. Die Modernisierung der Wasserstraßeninfrastruktur, die Beseitigung wasserstandsbedingter Engpässe und die Stärkung der Klimaresilienz sind deshalb zentrale Aufgaben der Infrastrukturpolitik.
Evonik unterstützt insbesondere:
- die beschleunigte Modernisierung des Wesel-Datteln-Kanals und des westdeutschen Kanalnetzes,
- die Umsetzung der Abladeoptimierung am Mittel- und Niederrhein,
- Investitionen in niedrigwasseroptimierte Schiffe,
- dauerhaft ausreichende Finanzmittel für Erhalt, Modernisierung und Klimaresilienz,
- ausreichende personelle Ressourcen in der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung,
- beschleunigte Genehmigungs- und Planungsverfahren,
- den Ausbau von Häfen, Liegeplätzen und Landstromversorgung,
- die Gleichbehandlung privater Werkshäfen bei Förderprogrammen.
Straßen und Brücken: Unverzichtbar für die letzte Meile und leistungsfähige Lieferketten
Trotz aller politischen Verlagerungsziele bleibt die Straße für Evonik ein unverzichtbarer Bestandteil industrieller Logistik. Sie verbindet Produktionsstandorte mit Kunden, Lieferanten, Häfen, Bahnterminals und Logistikzentren. Insbesondere auf der letzten Meile existieren häufig keine wirtschaftlich tragfähigen Alternativen zum Straßengüterverkehr. Für unsere Standorte in Essen, Darmstadt und Weiterstadt, aber auch Marl und Wesseling, ist eine verlässliche Straßenanbindung eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs.
Für die chemische Industrie hat die Straße darüber hinaus eine besondere Bedeutung für zeitkritische Transporte, Speziallogistik sowie die Versorgung von Produktionsanlagen im kontinuierlichen Verbundbetrieb. Leistungsfähige Straßeninfrastruktur ist deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil multimodaler Lieferketten und ergänzt die Funktionen von Schiene, Wasserstraße und Pipelines.
Infrastrukturengpässe belasten Industriestandorte in Nordrhein-Westfalen
Nordrhein-Westfalen ist als Industrie- und Logistikdrehscheibe Europas in besonderem Maße auf leistungsfähige Straßenverbindungen angewiesen. Gleichzeitig treten die Belastungsgrenzen der Infrastruktur hier besonders deutlich zutage.
Sperrungen und Gewichtsbeschränkungen an Rheinbrücken sowie auf wichtigen Autobahnachsen führen zunehmend zu Umwegen, Zeitverlusten und zusätzlichen Kosten. Für Chemie- und Industriestandorte im Rheinland und Ruhrgebiet wirken sich diese Einschränkungen unmittelbar auf Lieferketten, Produktionsabläufe und die Versorgung von Kunden und Produktionsstandorten aus.
Ein aktuelles Beispiel ist die Brückensanierung in Bonn welche noch bis Ende 2028 andauern wird und zu erheblichen Belastungen führt.
Die Dimension der Herausforderung zeigt sich auch bei der Brückeninfrastruktur. Nach Angaben des Brückenmonitors der IHK gelten rund 2.500 Brücken in der Zuständigkeit von Bund und Land in NRW als sanierungsbedürftig. Gleichzeitig verfügt Nordrhein-Westfalen mit rund 30.000 Brücken über das größte Brückenbauwerksnetz Deutschlands. Der daraus resultierende Sanierungsstau belastet Unternehmen, Logistikdienstleister und industrielle Lieferketten zunehmend.
Eine frühzeitige und transparente Kommunikation über geplante Baumaßnahmen ermöglicht es, potenzielle Auswirkungen auf unsere Standorte frühzeitig zu bewerten, entsprechende Risikoanalysen durchzuführen und notwendige Gegenmaßnahmen sowie mögliche Mehrkosten rechtzeitig einzuplanen, um den Straßengüterverkehr während Sanierungen aufrechtzuerhalten.
Staus und Fachkräftemangel verschärfen die Situation
Die Folgen der Infrastrukturdefizite zeigen sich auch im täglichen Verkehrsgeschehen. Laut ADAC-Staubilanz 2025 entfiel rund ein Drittel aller Stauereignisse in Deutschland auf Nordrhein-Westfalen. Auf den rund 2.250 Autobahnkilometern summierten sich die Verkehrsstörungen auf knapp 168.000 Stunden beziehungsweise nahezu 7.000 Tage Stau und stockenden Verkehr.
Die Zahlen verdeutlichen, dass die Straßeninfrastruktur in Nordrhein-Westfalen bereits heute erheblich belastet ist. Für Unternehmen wie Evonik bedeutet dies längere Transportzeiten, geringere Planbarkeit und zusätzliche Logistikkosten.
Neben dem Zustand der Infrastruktur verschärft der Fahrermangel die Situation zusätzlich. Nach Angaben der International Road Transport Union (IRU) sind weltweit rund 2,9 Millionen Fahrerstellen unbesetzt. Europa weist mit einer Fehlstellenquote von rund
13 Prozent eine der höchsten Mangelsituationen auf. Die Sicherung des Straßengüterverkehrs ist daher nicht nur eine Infrastruktur-, sondern auch eine Fachkräftefrage.
Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs technologieoffen ermöglichen
Die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs ist für Evonik und die gesamte Industrie ein zentraler Baustein zur Erreichung der Klimaziele. Da auch künftig ein erheblicher Teil industrieller Transporte auf der Straße stattfinden wird, können die Transformationsziele nur erreicht werden, wenn Transportlösungen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Güterverkehr wirtschaftlich und flächendeckend verfügbar sind.
Der politische Fokus liegt bislang vor allem auf batterieelektrischen und wasserstoffbasierten Antrieben. Gleichzeitig können jedoch auch erneuerbare Kraftstoffe wie HVO100, BioLNG oder BioCNG einen Beitrag zu den Treibhausgasminderungszielen im Straßengüterverkehr leisten. Dennoch werden sie bei Steuern, Abgaben und der Lkw-Maut häufig nicht ausreichend berücksichtigt.
Das erschwert Investitionen und verteuert die Transformation unnötig.
Evonik setzt sich daher für technologieoffene Rahmenbedingungen ein. Entscheidend sollte die tatsächliche Treibhausgasminderung sein, nicht die Bevorzugung einzelner Technologien. Antriebe und Kraftstoffe mit nachweisbarer Treibhausgasminderung müssen gleichbehandelt, Förderinstrumente technologieoffen ausgestaltet und die zusätzlichen Kosten der Dekarbonisierung auf ein wettbewerbsfähiges Maß begrenzt werden. Nur so kann der Schwerlastverkehr wirksam und zugleich wirtschaftlich dekarbonisiert werden.
Politischer Handlungsbedarf
Aus Sicht von Evonik sind leistungsfähige Straßen und Brücken eine Voraussetzung für verlässliche Lieferketten, wettbewerbsfähige Industriestandorte und die Versorgung von Kunden und Produktionsanlagen. Daher sind insbesondere folgende Maßnahmen erforderlich:
- Sicherung des Güterverkehrsflusses während Sanierungen,
- Priorisierung von Brückensanierungen und Ersatzneubauten,
- Verbesserung von Baustellenmanagement und -kommunikation sowie verkehrsübergreifende Koordinierung von Baustellen,
- intelligente Verkehrssteuerung,
- Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs,
- stärkere Fachkräftegewinnung im Straßengüterverkehr,
- bessere Vernetzung von Straße, Schiene, Wasserstraße und Pipelines
Die Chemie trägt zur Modernisierung der Infrastruktur bei
Als Chemieunternehmen sind wir nicht nur auf leistungsfähige Verkehrswege angewiesen, sondern tragen auch zu deren Modernisierung und Langlebigkeit bei. Evonik entwickelt Spezialchemikalien und Additive für Straßen, Brücken, Schienen und andere Infrastrukturbauwerke, die deren Beständigkeit und Nutzungsdauer unterstützen können.
Unsere Lösungen kommen unter anderem in Asphalt- und Straßenbelägen (z. B. mit dem Kautschuk-Additiv VESTENAMER® für gummimodifizierten Asphalt), Beton- und Sanierungssystemen sowie bei Korrosionsschutzanwendungen (wie dem silanbasierten Tiefenschutz Protectosil®) zum Einsatz. Sie können dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit von Infrastruktur gegenüber Feuchtigkeit, Witterungseinflüssen und Korrosion zu erhöhen.
Darüber hinaus kommen Evonik-Produkte auch im Verkehrssektor zum Einsatz. Hochdisperse Kieselsäuren (Silica) und Silan-Technologien werden beispielsweise bei der Herstellung moderner Reifen verwendet. Diese Silica- und Silan-Systeme für Reifen (wie das etablierte ULTRASIL®) können zu einer Reduzierung des Rollwiderstands beitragen und dadurch zur Senkung des Kraftstoffverbrauchs beziehungsweise Energiebedarfs von Fahrzeugen beitragen, während gleichzeitig hohe Anforderungen an Sicherheit und Laufleistung erfüllt werden.
Diese Beispiele zeigen, dass moderne Verkehrsinfrastruktur nicht nur von Investitionen in Straßen, Schienen und Wasserwege abhängt, sondern auch von innovativen Materialien und Technologien. Damit leistet die chemische Industrie einen Beitrag zur Modernisierung und langfristigen Leistungsfähigkeit des Verkehrsstandorts Deutschland.